Betrogen und vergessen: Die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner
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Eine Stimme für die Generation der Kriegskinder
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Betrogen und vergessen: Die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner (Taschenbuch) Rezension: Richard Bachmann: "Betrogen und vergessen. Die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner"

Das Buch ist tatsächlich repräsentativ für die Generation der Kriegskinder. Beim Gespräch mit älteren Leuten, die vor, im oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, löst die Geschichte des Reinhard Bachner eine Kettenreaktion von Erinnerungen aus: all die Erzählungen über den Schwarzmarkt, den Tauschhandel, den Schmuggel oder das "Organisieren"; die Hungerzeiten bis weit in die Nachkriegszeit und das ewige Anstehen für eine Hand voll Kartoffeln; die geringen Bildungsmöglichkeiten für Normalverdiener; der spärliche Lohn und Urlaub, die Karenztage im Krankheitsfall. Alles kehrt den Älteren, die dieses Buch lesen, taufrisch ins Gedächtnis zurück.

Das Typische für diese Generation wird vor allem durch die sachliche und konkrete Anschauung getroffen:

"An einem herrlichen Sommertag (1943) fragte die Mutter Reinhard: 'Hilfst du mir die Wäsche zum Bleichen bringen?' Reinhard sagte sofort ja. Die Wäsche wurde auf einer Wiese, direkt am Bach, gebleicht. Wäschebleichen ging wie folgt vor sich: Die noch nassen Stücke wurden auf der Wiese ausgebreitet und von der Sonne angetrocknet. Sie durften nicht ganz trocken werden. Immer wieder musste mit einer Gießkanne Wasser auf die einzelnen Teile gegossen werden. Das wurde so lange wiederholt, bis die Wäsche weiß, also gebleicht war." (S. 66)

Diese Anschaulichkeit ist es wohl, die bei den Zeitgenossen des Reinhard Bachner die Erinnerung an ihr vergangenes Leben weckt.
Die Sachlichkeit freilich begründet nicht nur das Typische, sondern auch das Besondere in diesem Buch: Wer konkret erzählen will, muss ja einen Einzelfall herausgreifen. Und der Einzelfall ist natürlich immer ein wenig anders als das Durchschnittsfall, der ohnehin nur statistisch existiert. So fand ich es faszinierend, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen hier einmal aus der Perspektive einer Familie geschildert wird, deren Oberhaupt sich in Opposition zu Hitlers Politik befand. Der Vater des kleinen Reinhard saß über vier Jahre in einem KZ ein. Reinhard wurde von der Gemeinschaft als Außenseuiter behandelt. Die Schilderung dieser Kriegsjahre, in denen er viele seelische Wunden davontrug, hat mich sehr beeindruckt. In diesem Buch wird auch klar ausgesprochen, dass die eigentliche Ursache für den Heimatverlust die Invasion Hitlers in die Tschechoslowakei war. Und dass bei der Vertreibung Schuldige wie Unschuldige dafür abgestraft wurden. Die Vielen, die Hitler willkommen geheißen hatten, genauso wie die Wenigen, die ihn ablehnten. So ungerecht ist eben die menschliche Geschichte, die noch nie auf Einzelschicksale viel Rücksicht genommen hat. Dieses reife und ideologisch ungetrübte Urteil ist bemerkenswert.
Auch der berufliche Werdegang der Reinhard Bachner in der 50er und 60er Jahren verschafft übrigens einen hautnahen Eindruck in mittlerweile schon historische Zeiten. Das Nachwort finde ich ganz besonders gut gelungen: Darin weist der Autor darauf hin, dass seine Generation wahrlich schon genügend Vorleistungen für die Rente erbracht hat; dass es unerträglich ist, sich von verwöhnten Wohlstandsschnöseln, die nicht bereit sind, auf ihren dritten Jahresurlaub zu verzichten, Mangel an Solidarität vorwerfen zu lassen, - all das ist nach der Lektüre dieses authentischen Buches nicht von der Hand zu weisen.

Andreas Münch
Stuttgart Bad Cannstatt
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 9. März 2006
Kundenrezensionen:
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