Der einarmige Pianist: Über Musik und das Gehirn
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Anekdoten und Geschichtchen
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Der weltbekannte 75-jährige amerikanische Neurologe und Bestsellerautor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher (u.a. Awakenings: Zeit des Erwachsens; Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte; Eine Anthropologin auf dem Mars) hat sein neuestes Buch vorgelegt. Sein unzweifelhaftes Verdienst ist es sicherlich, das öffentliche Interesse für neurowissenschaftliche Themen und die vielfältigen Varianten neurologischer Erkrankungen in einer breiten Öffentlichkeit geweckt zu haben. Eine Neurologin erzählte mir neulich, dass sie als Studentin nach der Lektüre eines von Sacks Berichten über Parkinson-Patienten den Berufswunsch entwickelte, Fachärztin für Neurologie zu werden. Die Erwartungen an das neue Buch sind also hoch. Diesmal hat sich der Erfolgsautor dem aktuellen Trendthema Musik und Gehirn zugewandt und gibt uns einen Einblick in die Vielfalt der Reaktionsweisen des Gehirns auf Musik, in die Welt der musikalischen Wahrnehmungsstörungen und in die Welt von Menschen, welche durch neurologische Störungen entweder den Kontakt zur Musik erst gefunden oder ihn dadurch verloren haben. Der Titel der amerikanischen Ausgabe (Musicophilia) verdeutlicht die implizite These des Autors besser als derjenige der deutschen: die überwältigende und gelegentlich hilflose Empfänglichkeit unseres Gehirns für Musik (S. 61) scheint eine Grundeigenschaft des Menschen zu sein. Damit liegt Sacks im Trend aktueller Buchproduktionen , welche alle in irgendeiner Weise die Musikspezialisierung bzw. Sensitivität des Gehirns für Musik (und nicht nur für Sprache) thematisieren.

Doch was bietet uns der Autor? Das Eröffnungskapitel ist eine spektakuläre Geschichte über den Arzt Tony Cicoria, der 1994 auf einem Ausflug von einem Blitz getroffen wird und nach seiner Genesung eine unwiderstehliche Sucht nach klassischer Klaviermusik entwickelt. Diese zeigt sich nicht nur in ausdauerndem Musikhören, sondern er beginnt auch leidenschaftlich mit dem Klavierspielen. Im Jahr 2006 kann Cicoria sogar öffentlich auftreten (er spielt u.a. Chopins Scherzo b-Moll und eine Eigenkomposition, die sogen. Blitz-Sonate). Ein Interview im Wissenschaftsmagazin Quarks & Co macht seinen Fall dann auch im deutschsprachigen Raum bekannt .

An diesem ersten Kapitel zeigt sich aber auch die ganze Problematik des Buchs: Es ist eine Ansammlung von Fallbeispielen, die auf anekdotischem Niveau in mythologisierender Weise wundersame Ereignisse erzählen. Man könnte diese erste Geschichte exemplarisch auch ganz anders darstellen: Ein von einer frühen Midlife-Crisis betroffener 42-jähriger Mann wird auf einem Ausflug vom Blitz getroffen. Trotz Bewusstlosigkeit und Nahtoderfahrung überlebt er diesen ungewöhnlichen Unfall ohne schwerwiegende Folgen, doch ein dermaßen kritisches Lebensereignis lässt ihn (wie aus vielen Berichten über das Verhalten von Personen nach ähnlich einschneidenden Erfahrungen bekannt) über den Sinn seines weiteren Lebens nachdenken. Er kommt (wie häufig bei Personen mit ähnlich dramatischen Erfahrungen) zu dem Schluss, dass er seinem Leben eine neue Richtung geben muss. Er nimmt Klavierstunden und übt obsessiv frühmorgens und spätabends mehrere Stunden Klavier. Darüber zerbricht seine ohnehin seit längerem kriselnde Ehe (wodurch er noch mehr Zeit zum Üben hat), doch seine Lebenszufriedenheit steigt und nach 13 weiteren Jahren des intensiven Übens folgt in fortgeschrittenem Alter das, wovon er schon als Kind geträumt hatte: sein erstes öffentliches Auftreten als Pianist. Ein berühmter Neurologe und die Medien interessieren sich für seinen Fall. Seine erste CD mit dem Titel Music from heaven schlägt wie ein Blitz ein und verkauft sich zehntausendfach. Dies ermöglicht ihm, seinen ungeliebten Beruf als Chirurg an den Nagel zu hängen. Fortan reist er als musikalischer Botschafter der Aktion Es ist nie zu spät  Klavierspielen 50+ durch die Welt. Zugegeben, der Schluss ist frei erfunden, wenn als Szenario auch nicht völlig unrealistisch. Die Botschaft dieser Fallstudie könnte aber auch (auf unspektakuläre Weise) ganz anders interpretiert werden, nämlich dass Menschen auch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter erfolgreich mit dem Instrumentalspiel beginnen können. Nach den Erkenntnissen der Expertisetheorie haben sie bei entsprechend ausdauerndem Üben sogar durchaus Chancen darauf, nach längerem Vorlauf eine ausreichende motorische Geschicklichkeit zu erwerben, um auch öffentlich aufzutreten. Zu dieser Sichtweise existiert sogar eine seriöse Einzelfallstudie ohne Blitzschlagmythologie.
Cicorias Klavierspiel innerhalb der Fernsehsendung Quarks & Co zeigte übrigens deutlich, dass er noch heute weit vom Spielniveau eines professionellen Pianisten entfernt ist. Pointiert formuliert könnte man sagen, dass sein Klavierspiel nicht dank, sondern trotz des Blitzschlags (und jahrelangem fleißigem Üben) ein mittleres Amateurniveau erreichte. Mit dieser Umdeutung der ersten Geschichte des Buchs möchte ich zeigen, dass dieses Buch zu einer einseitigen Darstellung scheinbar wundersamer Ereignisse oder Phänomene tendiert, die auf - zugegeben - unspektakuläre Weise auch mit etablierten Theorien erklärt werden können. Kritisch ist aus meiner Sicht bei dieser Strategie nicht nur, dass die hohe Bereitschaft der Leserschaft bedient wird, in Zusammenhang mit Musik auch die unerklärlichsten Phänomene zu akzeptieren, sondern dass diese Strategie für den Nicht-Experten kaum zu durchschauen ist.

Was folgt noch inhaltlich? In unterschiedlich langen Kapiteln erfahren wir etwas über durch Musik ausgelöste epileptische Anfälle (sogen. musikogene Epilepsie), ferner über die Erscheinungsformen von Ohrwürmern, angeborene Empfindungslosigkeit für Musik (sogen. Amusie), absolutes Hören, die Sonderleistungen autistischer Menschen, musikunterstützte Sprachtherapie nach einem linksseitigen Schlaganfall, die Grenzen der Musiktherapie bei Parkinson-Patienten oder musikalische Träume. Auch ausführliche Eigenberichte von Oliver Sacks über die persönliche Verwendung von Musik in einer Phase der Depression füllen die Seiten. Das hinterlässt insgesamt nicht nur den Eindruck eines eher beschreibenden als erklärenden Zettelkastens ohne Zusammenhang zwischen den Geschichten, sondern enthält mitunter auch Sonderbarkeiten: So finden wir als Erklärung für die Leistungen eines musikalischen Savants den Hinweis auf die Familie Bach (musikalische Begabung wird häufig vererbt, S. 174), oder die Erkenntnis, dass der Mangel an rhythmischer Organisation beim späten Wagner () ihn fast nutzlos für Parkinson-Kranke macht (Fußnote S. 284). In Bezug auf Ravels Boléro steht sogar unbelegt die Behauptung "Man fragt sich allerdings, ob Ravel nicht schon auf dem Höhepunkt seiner Demenz war, als er seinen Bolero schrieb." (S. 343) Die erste Behauptung ist schlicht falsch und basiert auf dem 1946 von Géza Révész erstellten musikalischen Stammbaum der Familie Bach, in dem allerdings nur die männlichen Nachkommen berücksichtigt wurden ; die auf Wagner bezogene Feststellung wäre genauso auf die Minimal Music oder die Orchestermusik von Debussy anwendbar. Die Interpretation des Boléro als "klingendes Krankheitsbild" ist allerdings ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Es gibt noch nicht einmal eine eindeutige Krankheitsdiagnose über Ravel geschweige denn einen eindeutigen Bezug zwischen Krankheit und Werk. Insgesamt ist auch der eingeschränkte Musikbegriff auffällig: Sämtliche berichteten Fälle beziehen sich nur auf klassische Musik. Möglicherweise bezieht sich die Hypothese der Empfänglichkeit unseres Gehirns für Musik nur auf den klassischen Kanon der Musikkultur. Erstaunlich bleibt diese Einseitigkeit allemal.

Was hat es aber nur mit dem deutschen Titel des Buchs auf sich? Er bezieht sich auf zwei Kapitel: das über den durch eine Kriegsverletzung im ersten Weltkrieg zum einarmigen Pianisten gewordenen Paul Wittgenstein und das über den wegen eines fokalen Dystonie seit Jahrzehnten zum Klavierspiel mit der linken Hand gezwungenen Pianisten Leon Fleisher. Das alles ist aber nicht neu und auch nicht besonders fundiert beschrieben. Die Übersetzung des Buchs ist gut gelungen und in angenehmer Weise werden auch etwas aus der Mode gekommene deutschsprachige musikalische Begriffe verwendet (so z.B. "Gassenhauer" für "sticky music", Kapitel 5).

Abschließend bleiben noch drei Fragen zu beantworten: erstens, bereitet das Buch Lesefreude, zweitens, für wen könnte die Lektüre nützlich sein und drittens, was habe ich von diesem Buch gelernt? Die erste Frage ist zu verneinen, denn die Lektüre der mehr oder weniger eher beschreibenden als erklärenden Kapitel bleibt auf Dauer ermüdend und unbefriedigend. Die zweite Frage nach der Nützlichkeit sehe ich durch eine wichtige Zielgruppe beantwortet: die Journalisten. Für diese Berufsgruppe wird das Buch noch lange eine ergiebige Quelle für Geschichtchen über Geschichten sein. Die dritte Frage ist ebenfalls zu bejahen, denn mir ist die immense Bedeutung der neurobiologischen Hemmung (sogen. Inhibition) deutlich geworden. Alle Fähigkeiten haben eben jeweils eine Nutzen- und eine Kostenseite. Die Freisetzung überdurchschnittlicher Wahrnehmungsleistungen durch neurobiologische Enthemmung hat als Kehrseite immer auch ihren Preis. Bei den hypermusikalischen Menschen mit Williams-Syndrom ist dies z.B ein massives kognitves Defizit. Das Buch zeigt uns deshalb, dass die Hemmung menschlicher Maximalfertigkeiten in der Regel ein sinnvoller neurobiologischer Mechanismus ist. Dies garantiert immerhin unsere Existenz als soziale Wesen.
Eine Rezension von krachmaninoff > Hannover
vom 18. März 2009
Kundenrezensionen:
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