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6. Die Gedanken des Baumeisters nachvollziehen
Es wäre zu viel verlangt, alle noch ungelüfteten Geheimnisse um Chartres aufdecken
zu wollen. In meinen eigenen Untersuchungen habe ich mich auf zwei ungeklärte
Punkte konzentriert, die das Kirchenschiff betreffen:
Wo liegt das verschollene Heilige Zentrum der Kirche, das ein besonderer
Kraftort gewesen sein soll? Am Ort des Heiligen Zentrums hat in der Krypta der
Heilige Brunnen gestanden und in der Oberkirche (also ebenerdig) der Altar.
Bisher weiß man lediglich, dass das Heilige Zentrum irgendwo im Chor liegt.
Warum ist die Vierung, also das Herzstück der Kathedrale, nicht quadratisch,
wie es entsprechend der Ostung zwingend erforderlich und bei allen Kirchen der
Fall ist, sondern rechteckig?
Zwar hat es bisher allerlei ingenieurwissenschaftliche Berechnungen im Chartreser
Kirchenschiff gegeben, die Maße oft bis auf drei Stellen hinter dem Komma
ermittelten, doch konnte man bisher keine Antwort auf die beiden Fragen finden. So
zeigt sich wieder einmal, dass Berechnungen alleine und seien sie auch noch so
präzise nicht weiterführen, wenn der geistige Rahmen fehlt, um sie einzuordnen.
Zudem war es bei den technischen Gegebenheiten des Mittelalters gar nicht möglich,
derart genaue Berechnungen durchzuführen; trotzdem weichen aber Maße und
Proportionen oft nur um wenige Millimeter von einer Ideallinie ab. Im Mittelalter
benutzte man schlichtweg nur Winkelmaß und Zirkel. Wenn man einen Kreis
konstruieren wollte, so schlug man einen Pflock in den Boden ein und bewegte einen
Faden mit entsprechender Länge im Kreis darum herum. Einen rechten Winkel
konstruierte man nach dem pythagoräischen Dreieck: Verbindet man ein Seil mit den
Seitenmaßen 5, 4 und 3 zu einem Dreieck, so entsteht an einer Seite ein rechter
Winkel (mit 90 Grad).
Will man die Proportionen von Chartres ergründen, so braucht man einen ebenso
einfachen Ansatz wie die damaligen Baumeister, um ihre Grundgedanken
nachzuvollziehen.
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